Archiv für März 2010

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Sozialstaatsdebatte: Wie “spätrömisch” sind wir wirklich?

3. März 2010

Bundesaußenminister Westerwelle (FDP) hat in einem Gastbeitrag für die “Welt” der Sozialstaatsdebatte in Deutschland “sozialistische Züge” unterstellt und davor gewarnt, wer “dem Volk anstrengungslosen Wohlstand” verspreche, der lade “zu spätrömischer Dekadenz ein”.

Der Sturm der Entrüstung war groß. Auch in den eigenen Reihen distanzierte man sich von Westerwelles Äußerungen, Medien bescheinigten der FDP und ihrem Vizekanzler sofort sinkende Umfragewerte, Linkspartei-Fraktionsvizechef Ernst nannte den FDP-Vorsitzenden den “oberste[n] soziale[n] Brandstifter der Nation”, DGB-Vorstand Buntenbach sprach von “verfassungswidrigen Zügen” in den Äußerungen Westerwelles, SPIEGEL TV (am 28.02.2010) gar vom “neuen Rechtspopulisten Westerwelle”.

“Spätrömische Dekadenz” ist seitdem zum geflügelten Wort im öffentlichen Diskurs geworden und schafft es sicherlich auch in die Liste der “Unworte des Jahres” 2010. Was ist von Westerwelles Vorwürfen zu halten? Welcher könnte berechtigt sein, welcher nicht? In anderen Worten: Wie spätrömisch sind wir wirklich?

Um dieser Frage nachzugehen, ist es zunächst erforderlich, das unterstellte Attribut zu definieren: Was ist mit “spätrömisch” gemeint? Westerwelle kann damit schlecht die politischen, sozialen und sittlichen Zustände Westroms in den Jahrzehnten vor seinem Untergang in ihrer Gesamtheit meinen. Das aber unterstellen Zeit und Spiegel, die mit Crashkursen in alter Geschichte aufwarten: Rom sei nicht an den Sozialhilfeempfängern zugrundegegangen! Dagegen hatte Westerwelle lediglich eine gewisse Mentalität im Blick, nämlich eine, die nicht wie in “vielen aufstrebenden Gesellschaften andernorts auf der Welt” hart arbeitet, “damit die Kinder es einmal besser haben”, sondern die sich auf das Konsumieren im Hier und Jetzt beschränkt, eine Gegenwart im “anstrengungslosen Wohlstand” zulasten der Zukunft. Dies ist ohne Zweifel ein “Dekadenz”-Merkmal, ein Merkmal des “Verfallens” also, ein Zustand, in welchem nicht mehr ein Streben nach mehr existiert, sondern die Parole  “Nach uns die Sintflut” vorherrscht.

Könnten wir uns in einer solchen Situation befinden? Einiges spricht dafür: Jede nachfolgende Generation ist in Deutschland nur knapp mehr als halb so groß wie ihre Elterngeneration, auf acht deutsche Urgroßeltern folgt ein einziger Urenkel. Das dem Leben ureigentümlichstes Merkmal, die Reproduktion, ist zum Erliegen gekommen und den Folgen – nicht zuletzt etwa für die sozialen Sicherungssysteme – wird seit nunmehr 40 Jahren sehenden Auges entgegengetaumelt. Der Schuldenberg des Staates wird dabei ungehemmt aufgetürmt, sodass schon ein Siebtel des gesamten Bundeshaushaltes (der zweithöchste Posten nach “Arbeit und Soziales”) für die reine Zinsentilgung – ohne einen Cent der Verbindlichkeiten beglichen  zu haben! – draufgeht. Wer soll das jemals zurückzahlen? Nicht unser Problem, sagen die Deutschen, damit sollen sich unsere Enkel herumschlagen – von denen wir ohnehin kaum welche haben werden. Wir für unseren Teil sind Reiseweltmeister und haben daher Wichtigeres im Sinn. Nur eine Minderheit von etwa 41% lebt hauptsächlich vom eigenen Einkommen, und die Ausgaben für den Sozialstaat schnellen kontinuierlich in die Höhe, obwohl andauernd seine Beschneidung beklagt wird. Hinzu kommen weitere fatale Entwicklungen: In Berlin ziehen die 20% der Einwohner aus der bildungsfernen Unterschicht 36% der Kinder auf. Die Zahl der Schulversager explodiert, jeder zweite Schulabgänger gilt als “nicht ausbildungsreif”, Jugendarbeitslosigkeit grassiert trotz unbesetzter Ausbildungsstellen und Jobs, ein nur scheinbarer Widerspruch, da sich der Begabungspool der Gesellschaft systematisch verkleinert, während das einzige munter anwachsende Milieu das der Bildungsfernen ist. Verschärft wird die Lage dadurch, dass in fast allen westdeutschen Großstädten schon heute die Mehrheit der Kinder aus Migrantenfamilien kommt, in Städten wie Frankfurt, Nürnberg, Stuttgart oder Düsseldorf waren es 2005 schon zwei Drittel. Hier wird das Vorhaben, eine Mehrheit in eine Minderheit zu “integrieren”, zwangsläufig scheitern und soziale und kulturelle Konflikte sind vorprogrammiert. Auch diese Entwicklungen sind seit Jahrzehnten bekannt.

In ökonomischer, demographischer, politischer und kultureller Hinsicht steht diese Gesellschaft vor einer prekären Zukunft, diese Entwicklungen zeigen seit Jahrzehnten in die gleiche Richtung und nichts wird unternommen – wenn das nicht “dekadent” ist, was dann? Aber ist es “spätrömisch dekadent”? Und inwiefern hat der Sozialstaat etwas damit zu tun?

Wie stand es denn um den “anstrengungslosen Wohlstand”, den Westerwelle beschwört, im alten Rom? Der Spiegel winkt ab: Nicht die gegenleistungslose Vollversorgung der Bürger sei Roms Untergang gewesen, sondern die soziale Ungleichheit, “das eine Prozent der Bevölkerung, das alle Reichtümer Roms unter sich aufteilte.” Die Zeit pflichtet bei: “Rom wuchs und wurde reich – und dann lief etwas schief. (…) [D]ie Verteilungsungerechtigkeit wurde zu krass.” Aber diese Umstände, so moralisch verwerflich wir sie auch finden mögen, haben natürlich recht wenig mit dem Untergang Roms zu tun. Betrachtet man zum Vergleich etwa das absolutistische Europa der Neuzeit, so finden wir technisch gesprochen keine Varianz in der unabhängigen Variable “Verteilungsungerechtigkeit”, und diese kann folglich nicht dafür verantworlich sein, dass Rom unterging, aber Frankreich unter dem prunksüchtigen “Sonnenkönig” putzmunter war und England auch dann noch florierte, als im 19. Jahrhundert in manchen Arbeiterbezirken eine Lebenserwartung von knapp über 20 Jahren vorherrschte, während die Militär- und Handelselite sich den halben Globus gefügig machte.

Mit dem “anstrengungslosen Wohlstand” ist nicht gemeint, wie die “Zeit” suggeriert, als sie die Preise für Lustsklaven zu den Einkommen der Tagelöhner ins Verhältnis setzt, dass jeder Zugang zu jeglichem Luxus ohne Gegenleistung besitzt. Das gab es weder in Rom noch mit Hartz 4. Aber, wie Edward Gibbons schreibt: “Zur Bequemlichkeit der trägen Plebejer wurden die monatlichen Verteilungen von Korn in eine tägliche Verteilung von Brot verwandelt“, und jene konnten “vom Morgen bis zum Abend, unbekümmert um Sonne oder Regen” ihre Zeit im Circus Maximus totschlagen – “und das Heil Roms schien von dem Ausgang eines Wettrennens abzuhängen.” Das ist es wohl, was Westerwelle unter “anstrengungslosem Wohlstand” versteht – nicht Luxus, sondern die Mentalität, dass einem grundsätzlich ein anstrengungsloses Leben auf Kosten der Gemeinschaft zustehe.

Rom ging nicht an den täglichen Brotverteilungen zugrunde, sondern an der dahinterstehenden trägen Mentalität, die sich im Heute eine gemütliche Zeit auf Kosten des Morgen zu verschaffen suchte. Als dann mehr und mehr “Barbaren” ins Land einsickerten, war man zu faul, es nicht einfach hinzunehmen. Die Germanen “neigten nun zur Verbrüderung mit ihrer Verwandtschaft von jenseits der Grenzen und errichteten schließlich eigene Reiche auf dem Gebiet des Imperiums. Im 5. Jahrhundert übernahmen sie die Herrschaft in Italien” – schreibt die “Zeit”, und fragt direkt im Anschluss: “Und wo bleibt die Dekadenz?” – keine weiteren Fragen.

Wir wir gesehen haben, ist also nicht das Faktum des Sozialstaats ein Grund dafür, dass man uns “spätrömisch dekadent” nennen könnte, sondern die Mentalität, die hinter der aktuellen Debatte steckt; eine Mentalität, die sich auf viel gewichtigere Bereiche umstreckt, und die man mit dem Attribut “auf Kosten der Zukunft lebend” kennzeichnen kann. In dieser Hinsicht ähneln wir also tatsächlich den späten Römern. Jeder kann die Zeichen der Zeit sehen, heute vollziehen sich die Entwicklungen sogar in einem vielfach höheren Tempo als in der Spätantike.

Das ist also der springende Punkt, und der Sozialstaat dabei bestenfalls ein randständiges sujet, eines von vielen Indizien.

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Benachteiligt Deutschland Migranten- und Arbeiterkinder im Bildungssystem? Eine empirische Analyse.

2. März 2010

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„Deutschland verteilt Bildungschancen unbeirrt nach sozialer Herkunft. Einwandererkinder werden früh abgehängt“, klagt Christine Prußky auf Spiegel Online. Drastischer drückt es die „taz“ (16.05.2006, S.1) unter der Überschrift „Doof dank Deutschland“ aus: „In keinem anderen Industriestaat der Welt haben Ausländerkinder miesere Zukunftschancen als in Deutschland.“ OECD-Experte Andreas Schleicher macht an der selben Stelle (S.3) das deutsche Schulsystem für diesen Missstand verantwortlich.

Was ist dran an diesen Behauptungen? Wie kann man sie überprüfen? In diesem Beitrag werden diese beiden Fragen, in umgekehrter Reihenfolge, beantwortet. Dafür werden statistische Berechnungen auf Basis der PISA-Studie, auf welche sich auch die oben zitierten Aussagen beziehen, durchgeführt und die wichtigsten Ergebnisse verständlich zusammengefasst.

Zunächst muss man danach fragen, auf welcher Basis oben genannte Beobachter zu dem Schluss kommen, Deutschland benachteilige insbesondere Migrantenkinder. Die „taz“ (s.o., S.3) schreibt hierzu: „In keinem anderen der untersuchten Industriestaaten driften die Rechenleistungen der so genannten Kinder der zweiten Generation und der Einheimischen so sehr auseinander wie in Deutschland: Mit ihren Leistungen hinken Migrantenkinder den Deutschstämmigen gut 3 Jahre hinterher.“

Zunächst mag der Schluss ziemlich befremdlich klingen: Migrantenkinder schneiden leistungsmäßig schlechter ab – und das beweist, dass sie vom Start weg schlechtere Chancen durch das deutsche System besaßen? Das ist wie bei einem Bundesligaspiel zwischen Hannover 96 und dem FC Bayern München, das die Bayern gewinnen, allein vom Ergebnis her darauf zu schließen, dass Hannover durch den Schiedsrichter benachteiligt gewesen sein müsse.

Warum ziehen die genannten Journalisten und der OECD-Experte – stellvertretend für eine in diesem Punkte ziemlich übereinstimmende Öffentlichkeit – einen solch scheinbar unsinnigen Schluss? Ganz einfach: Sie gehen von der Annahme aus, dass – anders als zwischen dem FC Bayern und Hannover 96 – prinzipiell keine systematischen Unterschiede in den Begabungen der jeweiligen Protagonisten vorherrschen. Ein Migrationsstatus, so das Argument, beeinflusst für sich genommen nicht das Talent eines Kindes, und darum seien Begabungen bei Einheimischen und Zugewanderten gleich verteilt, was dazu führt, dass ein unterschiedliches Abschneiden auf eine unfaire Behandlung durch das Bildungssystem zurückzuführen sei. Unter Berücksichtigung dieser Annahme ist die gezogene Schlussfolgerung korrekt.

Aber diese Annahme ist natürlich nicht unproblematisch. Man könnte dagegen einwenden, dass rein theoretisch die Möglichkeit bestehe, dass nach Deutschland Eingewanderte im Schnitt (!) aus bildungsferneren Milieus stammten als die hier Ansässigen, und dieser Effekt sei in Deutschland stärker als in anderen Ländern, in denen teilweise sogar umgekehrte Verhältnisse bestünden. Und in der Tat: Nach Deutschland Zugewanderte besitzen viel seltener berufsqualifizierende Ausbildungen als Einheimische, und dieser Unterschied bleibt auch bestehen, wenn man berücksichtigt, dass insbesondere Osteuropäer oft damit zu kämpfen haben, dass ihre Abschlüsse hier nicht anerkannt werden. In Kanada oder Neuseeland dagegen, wo man traditionell nur solche Neuankömmlinge ins Land lässt, von denen man glaubt, dass sie das Land mit Innovationen nach vorne bringen, weisen Einwanderer dagegen sogar häufiger Top-Abschlüsse auf als die Alteingesessenen. Genau wie die talentierten Fußballer vor dem Spiel nicht komplett zufällig auf den FC Bayern und Hannover 96 verteilt wurden, existieren systematische Unterschiede in den Begabungsstrukturen zwischen nach Deutschland Eingewanderten und Einheimischen.

Was würden taz, OECD und Co. gegen dieses Argument einwenden, um ihre These aufrechterhalten zu können? Das mag ja sein, würden sie sagen, aber bei der Bildungsdebatte geht es ja nicht in erster Linie um erwachsene Eingewanderte, die diesen oder jenen Abschluss besitzen oder nicht besitzen, sondern um ihre Kinder, die zumeist sogar hier geboren sind. Die kommen ja nicht mit dem Abschluss ihrer Eltern auf die Welt. Das ist natürlich völlig richtig. Aber verteilen sich die Begabungen deshalb rein nach dem Prinzip des Zufalls auf alle Kinder?

Hier sind wir an einem heiklen Punkt angelangt. Genau diese Frage wird nämlich von der Wissenschaft seit Jahrzehnten zurückgewiesen, von der Öffentlichkeit aber unbeirrt bejaht. Als Anfang der 1970er-Jahre US-amerikanische Forscher anhand von Zwillingsstudien nachgewiesen zu haben glaubten, dass Begabungen zumindest zu einem Teil vererbt werden, mussten sie mit Polizeischutz zu ihren Lehrveranstaltungen erscheinen, auf denen Tomaten flogen. Mittlerweile ist es common sense in Hirnforschung und Genetik, dass ein beträchtlicher Teil der Unterschiede in der menschlichen Intelligenz – man geht von ca. 40-80% aus – durch die Erbanlagen bedingt werden (Weiterführende Links: Zeit.de, FAZ.net). Der Rest – immer noch viel, aber eben nicht alles – wird von der Umwelt bestimmt, also etwa durch die Erziehung, frühkindliche Förderung usw.

Es ist nachvollziehbar, dass dies in mancherlei Hinsicht für bestimmte Personen keine erfreuliche Erkenntnis darstellt. Wer will schon gerne seiner Gesellschaft klarzumachen versuchen, dass ihre Bildungsverlierer zumindest teilweise deshalb so schlecht abschneiden, weil ihre angeborenen Begabungen weniger ausgeprägt sind als bei Artgenossen? Dass natürlich dieser Nachteil durch entsprechende Förderung auszugleichen versucht werden kann, aber dass letztendlich dieser Unterschied aufgrund des hohen Anteils der gebundenen Varianz schwerlich im Aggregat gänzlich ausgeglichen werden kann? Es ist verständlich, dass diese nicht zu den Tatsachen gehört, die man der Öffentlichkeit inklusive den Betroffenen gerne mitteilt. Aber kann man diese Erkenntnis deshalb einfach ignorieren und weiterhin darauf beharren, dass hier einfach nur eine große institutionelle Ungerechtigkeit vorliegt?

Nehmen wir aber der Einfachheit halber an, es gäbe überhaupt keine Vererbung von Begabungen. Dann wäre das Problem keinesfalls einfacher lösbar. Denn dann würde die Intelligenz eines Kindes und damit seine Bildungsfähigkeit eben so gut wie ausschließlich statt nur teilweise von der Erziehung und Förderung im frühen Kindesalter abhängen. Und wer zweifelt daran, dass in bildungsfernen Familien, auch abgesehen von den ökonomischen Möglichkeiten, in den prägenden ersten Jahren eines Kindes diese Förderung im Schnitt weniger effektiv ausfallen könnte als in viel Wert auf Bildung legenden Familien der Mittelschicht? Selbst dann wäre also immer noch mit eklatanten Ergebnisunterschieden zu rechnen, die man nur dann beseitigen könnte, wenn man die Erziehung ab dem ersten Lebensmonat staatlich organisieren würde – die totale Kinderbetreuung zugunsten der „Chancengleichheit“ würde die Eltern ihres vornehmlichsten Rechtes, nämlich der Erziehung und des Kümmerns um ihr eigenes Kind, berauben und die Kinder zu einer Art Staatseigentum machen. Ob das jemand ernsthaft wollen kann, ist wiederum eine andere Frage.

Aber halten wir bis hierhin fest: Es kann sein – aus welchen Gründen auch immer – dass es systematische Begabungsunterschiede zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen gibt. Das bedeutet nicht, dass alle Mitglieder der einen Gruppe begabt und alle Mitglieder der anderen Gruppe unbegabt sind, aber dass im Schnitt, wenn man alle zusammenzählt, die eine etwas besser abschneidet als die andere. Und dies kann wiederum dazu führen, dass sie in den Bildungsinstitutionen im Schnitt etwas erfolgreicher sind. Der FC Bayern schlägt dann Hannover aufgrund der besseren Spielerleistungen und nicht unbedingt wegen des unfairen Schiedsrichters.

Aber kann letzteres deswegen grundsätzlich ausgeschlossen werden? Nein. Es könnte beispielsweise sein, dass – trotzdem einheimische Kinder im Schnitt etwas bessere Leistungen erbringen – auch bei gleichen Leistungen Lehrer Migrantenkindern öfter Hauptschulempfehlungen aussprechen als Kindern ohne Migrationshintergrund, weil sie ersteren weniger zutrauen. Jetzt soll geprüft werden, ob da etwas dran ist, und wenn ja, wie relativ stark dieser Effekt ist.

Betrachten wir daher die Chance, dass ein Schüler sich auf dem Gymnasium befindet, im Verhältnis zur Chance, dass er auf keine zu einem Hochschulstudium berechtigende Schulart geht. Diese Chance hängt – wenn alles „gerecht“ zugeht – ausschließlich von den Leistungen des jeweiligen Schülers ab. (Nebenbemerkung an dieser Stelle: Es mag Standpunkte geben, die unter „gerecht“ verstehen, dass Bildungsabschlüsse auch nicht nach Leistung, sondern zufällig oder nach Quoten vergeben werden, aber das entspricht nicht dem Gerechtigkeitsverständnis des Verfassers und wohl auch nicht demjenigen der Mehrheit der Bürger.) Ein Indiz von Ungerechtigkeit wäre es dagegen, wenn bei Konstanthaltung der Schülerleistungen auch der Migrationsstatus oder der Wohlstand der Eltern einen signifikanten Einfluss aufweisen würde. In anderen Worten: Hat ein Schüler bei gleichen Leistungen eine geringere Chance, auf ein Gymnasium zu gehen, weil seine Eltern aus einem anderen Land nach Deutschland kamen oder weniger ökonomische Ressourcen aufweisen, dann kann der oben genannten These von taz, OECD & Co., wonach Bildungschancen in Deutschland ungerecht verteilt werden, zugestimmt werden.

Das Verfahren, mithilfe welchem diese Frage untersucht wird, ist das der logistischen Regression auf Basis der Daten der PISA-Studie (2006) für die Schüler in Deutschland. Diese Art der Analyse untersucht genau das, was im vorigen Absatz beschrieben wurde: nämlich die Frage, wie sich das Chancenverhältnis der Zugehörigkeit zu einer Gruppe (hier: der Gymnasiasten) im Verhältnis zur Nicht-Zugehörigkeit zu dieser Gruppe in Abhängigkeit von bestimmten Faktoren ändert. Diese Faktoren sind: Leistungsfähigkeit, Migrationsstatus und Wohlstand des Elternhauses. Der Effekt des jeweiligen Faktors wird, wie erwähnt, immer bei Konstanthaltung der anderen beiden Faktoren errechnet. Dadurch lassen sich Aussagen über die relative Stärke der Einflüsse machen.

Dies sind die Ergebnisse der Analyse:

(Datenbasis: PISA 2006 (www.pisa.oecd.org), nur Schüler in Deutschland selektiert; Logistische Regression; abhängige Variable = Gymnasiumsbesuch (Gymnasium = 1, Haupt- oder Realschule = 0); Unabhängige Variablen: Schulische Leistung (in allen drei Kompetenzbereichen überdurchschnittlich = 1), Familienwohlstand (Mediansplit, obere Hälfte = 1), Migrationsstatus (Vater oder Mutter im Ausland geboren oder Sprache im Elternhaus nicht deutsch = 1); n.s. = nicht signifikant).

Diese Ergebnisse lassen sich wie folgt interpretieren: Die Chance eines Schülers, der bei allen drei abgefragten Bereichen – Mathematik, Lesekompetenzen und Naturwissenschaften – überdurchschnittlich leistungsfähig ist, ein Gymnasium zu besuchen, ist etwa 13-fach höher als die Chance eines Schülers, der nicht diese Kompetenzen aufweist, ein Gymnasium zu besuchen. Das ist keine Überraschung, denn die schulischen Leistungen sollen ja ausschlaggebend für den Besuch einer bestimmten Schulart sein. Interessant sind die beiden anderen Effekte. Dabei zeigt sich: Aus wohlhabenden Familien kommende Schüler haben bei gleichen Leistungen eine etwa 1,2-fach höhere Chance, auf ein Gymnasium zu gehen, als Schüler aus weniger wohlhabenden Familien. Zwar ist der Effekt recht klein, aber dennoch signifikant. Festhalten lässt sich also:

Ergebnis 1: Wohlhabende Schüler haben bei gleichen Leistungen eine etwas höhere Chance, auf ein Gymnasium zu gehen.

Es kann hier also durchaus von einer Chancenungleichheit gesprochen werden, was die sozioökonomische Herkunft eines Schülers betrifft. Diese Ungleichheit ist aber nicht sonderlich stark ausgeprägt. Der Einfluss des Migrationshintergrundes dagegen ist nicht signifikant. Den üblichen Konventionen in der Statistik besagen in so einem Falle, dass die Daten kein hinreichendes Indiz dafür liefern, dass der Effekt von 0 verschieden sei. Mit anderen Worten:

Ergebnis 2: Bei gleicher Leistung liegt kein signifikanter Effekt von Migrationshintergrund auf die Schulform vor.

Migranten schaffen es also seltener aufs Gymnasium als Einheimische. Das aber liegt nicht daran, dass sie von ihren Chancen her benachteiligt werden würden. Denn bei gleicher Leistung werden Migranten offenbar auch gleich behandelt. Die oft zitierten Fälle, in denen ein Migrantenkind trotz gleicher Leistung auf eine niedrigere Schulform verwiesen wird als ein einheimischer Schulkamerad, sind demnach nicht repräsentativ. Nun könnten „taz“ & Co. natürlich immer noch einräumen, die Leistungsunterschiede selbst kämen durch Diskriminierung zustande, indem beispielsweise Migrantenkinder in den frühen Schuljahren schon systematisch schlechter unterrichtet werden würden als Einheimische. Solche Hilfshypothesen müssen aber auf der vorliegenden Datenbasis Spekulation bleiben. Die PISA-Daten, auf die sich auch die eingangs zitierten Vorwürfe beziehen, lassen, wie die Analyse zeigte, nur die hier getätigten Schlüsse zu.

Fazit:

Der Vorwurf, Deutschlands Bildungssystem benachteilige Migrantenkinder, muss auf Basis der vorliegenden Analyse zurückgewiesen werden. Bei gleicher Leistung werden Migranten nicht schlechter behandelt. Dass sie am Ende im schlechter abschneiden, ist also auf ihre im Schnitt schwächeren Leistungen zurückzuführen, nicht aber auf Diskriminierung. Weshalb diese Leistungen schlechter sind, lässt sich schlecht statistisch belegen. Daher konnten hier nur einige Vermutungen angestellt werden. Dazu gehört z.B. die naheliegende Annahme, dass die nach Deutschland Zugewanderten im Gegensatz zu den Einwanderern in anderen Industrieländern (insbesondere Kanada, Neuseeland und Australien) aus durchschnittlich bildungsferneren Familien stammen als die Einheimischen.
Eine, wenn auch betragsmäßig geringe, Ungleichbehandlung im Bildungssystem liegt dagegen zulasten der weniger wohlhabenden Kinder vor. Deren Chance, auf ein Gymnasium zu gehen, ist bei gleicher Leistung wie die reicheren Kinder etwa um den Faktor 1,2 niedriger als bei letzteren.

Links zu ähnlichen Studien:
- PISA-Analyse über Migranten in Österreich, siehe insbesondere die Abbildungen ganz unten: http://www.bifie.at/buch/322/5/2
- Studie des Landesinstituts für Schulentwicklung über die Leistungen von Schülern mit Migrationshintergrund in Baden-Württemberg: http://www.schule-bw.de/entwicklung/bildungsbericht/migration_dva.pdf

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