Bundesaußenminister Westerwelle (FDP) hat in einem Gastbeitrag für die “Welt” der Sozialstaatsdebatte in Deutschland “sozialistische Züge” unterstellt und davor gewarnt, wer “dem Volk anstrengungslosen Wohlstand” verspreche, der lade “zu spätrömischer Dekadenz ein”.
Der Sturm der Entrüstung war groß. Auch in den eigenen Reihen distanzierte man sich von Westerwelles Äußerungen, Medien bescheinigten der FDP und ihrem Vizekanzler sofort sinkende Umfragewerte, Linkspartei-Fraktionsvizechef Ernst nannte den FDP-Vorsitzenden den “oberste[n] soziale[n] Brandstifter der Nation”, DGB-Vorstand Buntenbach sprach von “verfassungswidrigen Zügen” in den Äußerungen Westerwelles, SPIEGEL TV (am 28.02.2010) gar vom “neuen Rechtspopulisten Westerwelle”.
“Spätrömische Dekadenz” ist seitdem zum geflügelten Wort im öffentlichen Diskurs geworden und schafft es sicherlich auch in die Liste der “Unworte des Jahres” 2010. Was ist von Westerwelles Vorwürfen zu halten? Welcher könnte berechtigt sein, welcher nicht? In anderen Worten: Wie spätrömisch sind wir wirklich?
Um dieser Frage nachzugehen, ist es zunächst erforderlich, das unterstellte Attribut zu definieren: Was ist mit “spätrömisch” gemeint? Westerwelle kann damit schlecht die politischen, sozialen und sittlichen Zustände Westroms in den Jahrzehnten vor seinem Untergang in ihrer Gesamtheit meinen. Das aber unterstellen Zeit und Spiegel, die mit Crashkursen in alter Geschichte aufwarten: Rom sei nicht an den Sozialhilfeempfängern zugrundegegangen! Dagegen hatte Westerwelle lediglich eine gewisse Mentalität im Blick, nämlich eine, die nicht wie in “vielen aufstrebenden Gesellschaften andernorts auf der Welt” hart arbeitet, “damit die Kinder es einmal besser haben”, sondern die sich auf das Konsumieren im Hier und Jetzt beschränkt, eine Gegenwart im “anstrengungslosen Wohlstand” zulasten der Zukunft. Dies ist ohne Zweifel ein “Dekadenz”-Merkmal, ein Merkmal des “Verfallens” also, ein Zustand, in welchem nicht mehr ein Streben nach mehr existiert, sondern die Parole “Nach uns die Sintflut” vorherrscht.
Könnten wir uns in einer solchen Situation befinden? Einiges spricht dafür: Jede nachfolgende Generation ist in Deutschland nur knapp mehr als halb so groß wie ihre Elterngeneration, auf acht deutsche Urgroßeltern folgt ein einziger Urenkel. Das dem Leben ureigentümlichstes Merkmal, die Reproduktion, ist zum Erliegen gekommen und den Folgen – nicht zuletzt etwa für die sozialen Sicherungssysteme – wird seit nunmehr 40 Jahren sehenden Auges entgegengetaumelt. Der Schuldenberg des Staates wird dabei ungehemmt aufgetürmt, sodass schon ein Siebtel des gesamten Bundeshaushaltes (der zweithöchste Posten nach “Arbeit und Soziales”) für die reine Zinsentilgung – ohne einen Cent der Verbindlichkeiten beglichen zu haben! – draufgeht. Wer soll das jemals zurückzahlen? Nicht unser Problem, sagen die Deutschen, damit sollen sich unsere Enkel herumschlagen – von denen wir ohnehin kaum welche haben werden. Wir für unseren Teil sind Reiseweltmeister und haben daher Wichtigeres im Sinn. Nur eine Minderheit von etwa 41% lebt hauptsächlich vom eigenen Einkommen, und die Ausgaben für den Sozialstaat schnellen kontinuierlich in die Höhe, obwohl andauernd seine Beschneidung beklagt wird. Hinzu kommen weitere fatale Entwicklungen: In Berlin ziehen die 20% der Einwohner aus der bildungsfernen Unterschicht 36% der Kinder auf. Die Zahl der Schulversager explodiert, jeder zweite Schulabgänger gilt als “nicht ausbildungsreif”, Jugendarbeitslosigkeit grassiert trotz unbesetzter Ausbildungsstellen und Jobs, ein nur scheinbarer Widerspruch, da sich der Begabungspool der Gesellschaft systematisch verkleinert, während das einzige munter anwachsende Milieu das der Bildungsfernen ist. Verschärft wird die Lage dadurch, dass in fast allen westdeutschen Großstädten schon heute die Mehrheit der Kinder aus Migrantenfamilien kommt, in Städten wie Frankfurt, Nürnberg, Stuttgart oder Düsseldorf waren es 2005 schon zwei Drittel. Hier wird das Vorhaben, eine Mehrheit in eine Minderheit zu “integrieren”, zwangsläufig scheitern und soziale und kulturelle Konflikte sind vorprogrammiert. Auch diese Entwicklungen sind seit Jahrzehnten bekannt.
In ökonomischer, demographischer, politischer und kultureller Hinsicht steht diese Gesellschaft vor einer prekären Zukunft, diese Entwicklungen zeigen seit Jahrzehnten in die gleiche Richtung und nichts wird unternommen – wenn das nicht “dekadent” ist, was dann? Aber ist es “spätrömisch dekadent”? Und inwiefern hat der Sozialstaat etwas damit zu tun?
Wie stand es denn um den “anstrengungslosen Wohlstand”, den Westerwelle beschwört, im alten Rom? Der Spiegel winkt ab: Nicht die gegenleistungslose Vollversorgung der Bürger sei Roms Untergang gewesen, sondern die soziale Ungleichheit, “das eine Prozent der Bevölkerung, das alle Reichtümer Roms unter sich aufteilte.” Die Zeit pflichtet bei: “Rom wuchs und wurde reich – und dann lief etwas schief. (…) [D]ie Verteilungsungerechtigkeit wurde zu krass.” Aber diese Umstände, so moralisch verwerflich wir sie auch finden mögen, haben natürlich recht wenig mit dem Untergang Roms zu tun. Betrachtet man zum Vergleich etwa das absolutistische Europa der Neuzeit, so finden wir technisch gesprochen keine Varianz in der unabhängigen Variable “Verteilungsungerechtigkeit”, und diese kann folglich nicht dafür verantworlich sein, dass Rom unterging, aber Frankreich unter dem prunksüchtigen “Sonnenkönig” putzmunter war und England auch dann noch florierte, als im 19. Jahrhundert in manchen Arbeiterbezirken eine Lebenserwartung von knapp über 20 Jahren vorherrschte, während die Militär- und Handelselite sich den halben Globus gefügig machte.
Mit dem “anstrengungslosen Wohlstand” ist nicht gemeint, wie die “Zeit” suggeriert, als sie die Preise für Lustsklaven zu den Einkommen der Tagelöhner ins Verhältnis setzt, dass jeder Zugang zu jeglichem Luxus ohne Gegenleistung besitzt. Das gab es weder in Rom noch mit Hartz 4. Aber, wie Edward Gibbons schreibt: “Zur Bequemlichkeit der trägen Plebejer wurden die monatlichen Verteilungen von Korn in eine tägliche Verteilung von Brot verwandelt“, und jene konnten “vom Morgen bis zum Abend, unbekümmert um Sonne oder Regen” ihre Zeit im Circus Maximus totschlagen – “und das Heil Roms schien von dem Ausgang eines Wettrennens abzuhängen.” Das ist es wohl, was Westerwelle unter “anstrengungslosem Wohlstand” versteht – nicht Luxus, sondern die Mentalität, dass einem grundsätzlich ein anstrengungsloses Leben auf Kosten der Gemeinschaft zustehe.
Rom ging nicht an den täglichen Brotverteilungen zugrunde, sondern an der dahinterstehenden trägen Mentalität, die sich im Heute eine gemütliche Zeit auf Kosten des Morgen zu verschaffen suchte. Als dann mehr und mehr “Barbaren” ins Land einsickerten, war man zu faul, es nicht einfach hinzunehmen. Die Germanen “neigten nun zur Verbrüderung mit ihrer Verwandtschaft von jenseits der Grenzen und errichteten schließlich eigene Reiche auf dem Gebiet des Imperiums. Im 5. Jahrhundert übernahmen sie die Herrschaft in Italien” – schreibt die “Zeit”, und fragt direkt im Anschluss: “Und wo bleibt die Dekadenz?” – keine weiteren Fragen.
Wir wir gesehen haben, ist also nicht das Faktum des Sozialstaats ein Grund dafür, dass man uns “spätrömisch dekadent” nennen könnte, sondern die Mentalität, die hinter der aktuellen Debatte steckt; eine Mentalität, die sich auf viel gewichtigere Bereiche umstreckt, und die man mit dem Attribut “auf Kosten der Zukunft lebend” kennzeichnen kann. In dieser Hinsicht ähneln wir also tatsächlich den späten Römern. Jeder kann die Zeichen der Zeit sehen, heute vollziehen sich die Entwicklungen sogar in einem vielfach höheren Tempo als in der Spätantike.
Das ist also der springende Punkt, und der Sozialstaat dabei bestenfalls ein randständiges sujet, eines von vielen Indizien.

