
Frakturschrift – Reliquie und Symbol der NS-Zeit
1. Februar 2010Nr. 2 der “Verzerrungen und Unwahrheiten über die deutsche Geschichte.”
Dass jegliches Bezugnehmen auf oder Identifizieren mit der deutschen Geschichte und Kultur, es sei denn als dezidierte Antithese, sehr schnell zum Verdacht der NS-Sympathie führen kann, ist hinlänglich bekannt. Alles, was Deutschland auch vor und nach der Zeit von 1933 bis 1945 war und ist, wird gerne “faschistopetal” und “faschistofugal” (J. Isensee) interpretiert.
Dabei werden Symbole, Traditionen und Institutionen wie selbstverständlich der NS-Zeit zugeordnet, die oft nicht das Geringste damit zu tun haben. Dies soll am folgenden Beispiel illustriert werden:

Anti-NPD Demonstration 1978 mit Transparent in Frakturschrift, Quelle: Bildarchiv preußischer Kulturbesitz, www.bpk-images.de
Auf der hier abgebildeten Kundgebung gegen die NPD 1978 in Frankfurt/Main halten Demonstranten ein Plakat mit der Aufschrift “Nazis raus aus Frankfurt”, wobei das Wort “Nazis” in einer gebrochenen Schrift gestaltet wurde. Dies ist exemplarisch dafür, dass gebrochene Schriftarten (“deutsche”/ “altdeutsche Schriften”, z.B. Fraktur, Schwabacher etc.) oftmals in den Medien und der Öffenlichkeit mit dem Nationalsozialismus assoziiert werden.
Dies geschieht aber natürlich zu unrecht. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ersetzten nach und nach lateinische die gebrochenen Schriftarten in europäischen Printmedien und der Öffentlichkeit (Schilder usw.), in Deutschland blieben Fraktur & Co. auch im 20. Jahrhundert noch in Gebrauch, bis sie 1941 von den Nationalsozialisten untersagt und die lateinische Antiqua (anstelle der “Schwabacher Judenlettern”) zur amtlichen Schrift wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg wiederum verlangten die Alliierten zumeist die für sie besser lesbare Antiqua in Veröffentlichungen, aber manche Verleger und Schriftsteller, darunter etwa Hermann Hesse, aber auch z.B. evangelische Bibeldruckanstalten, bestanden auch in den 1950ern und teilweise bis in die 1960er Jahre darauf, weiterhin in Fraktur setzen zu dürfen.
Das hindert heute natürlich die wenigsten daran, kenntnisfrei altdeutsche Schrift mit dem Nationalsozialismus in Verbindung zu bringen. Wie man sieht, sind nicht einmal deutsche Traditionen, die explizit von Hitler verboten wurden, davor gefeit, auf irgendeine Weise NS-nah zu gelten.
Heute können die wenigsten jungen Menschen noch Frakturdruck oder Sütterlinschreibschrift lesen oder gar schreiben. Wer sich dennoch damit als Teil seiner Kulturgeschichte beschäftigt, läuft wie so oft Gefahr, im besten Falle als esoterischer Nostalgiker, oftmals aber auch als NS-Sympathisant zu gelten. Wahrheit und Logik sind – wie so oft – unerheblich.