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Deutschland war bis 1945 mit seiner preußisch-obrigkeitsstaatlichen Tradition der kriegerischste Staat in Europa

4. September 2009

Nr. 1 der “Verzerrungen und Unwahrheiten über die deutsche Geschichte.”

Das preußisch geprägte Deutschland ca. 1700-1945: Spartanischer Militärstaat und ständiger Unruheherd im Herzen Europas – so sehen nicht nur englische Boulevardblätter die deutsche Vergangenheit, sondern auch viele Deutsche selbst.

Dass etwa Preußen “seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist” – wie die Präambel zum alliierten Gesetz seiner Auflösung 1947 behauptet – hat sich seitdem im deutschen Geschichtsunterricht verfestigt. Aber das reicht noch lange nicht. Paul Winkler identifiziert in seinem Buch “The Thousand Years Conspiracy – Secret Germany Behind The Mask” den Stauferkaiser Friedrich II. mit dem ersten protonazistischen Deutschen. Louis Nizer (“What to do with Germany?“) geht noch weiter:

Die Deutschen zerschlugen die lateinische Zivilisation in der Schlacht von Adrianopel (378). … Sie machten Krieg zu ihrem Beruf. Wo sie hintraten, starb die Kultur ab. … Vier Jahrhunderte nach Adrianopel setzte Karl der Große die deutsche Tradition fort … Er versuchte die Welt zu erobern. … Im 12. Jahrhundert war der Führer ein anderer, aber das monotone Programm das gleiche. Da war es Friedrich Barbarossa, der den Frieden erdolchte. … Durch das 14. Jahrhundert läuft der rote Faden deutscher Infamie… Während des Dreißigjährigen Krieges war die Brutalität der Deutschen im Kriege unvermindert. … Adam Müller, Novalis, Fichte, Johann Josef Görres spielen alle die gleiche Melodie. Das deutsche Volk horcht begierig auf diese kriegerische Musik. Sie entfacht seine Gefühle. Es ist durch den Wahnsinn hypnotisiert und folgt ihm mit brutalen Stiefeln … ja, es gibt eine deutsche Verschwörung gegen den Weltfrieden und gegen jeden freien Menschen in jedem beliebigen Lande. Der Nazismus… ist ein Ausdruck der deutschen Aspirationen, die in allen Jahrhunderten ihren Ausdruck fanden.

Wer dies für die Phantasien eines Unbedeuteten hält, dem sei gesagt, dass allein Dwight D. Eisenhower etwa 100.000 Exemplare des Buches versandte und jeden seiner Offiziere Aufsätze darüber schreiben ließ. Das eigentlich Seltsame daran ist gleichwohl nicht, dass von amerikanischer Seite während des Krieges derartige Propaganda publiziert wird, sondern, dass die Deutschen sie glauben und seitdem gewissenhaft reproduzieren.

Die Fakten sehen freilich anders aus. In seinem Standardwerk “A Study of War” (1942, Band 1, S. 653) hat der Politikwissenschaftler Quincy Wright, unter anderem Berater des Nürnberger Chefanklägers Robert H. Jackson, alle Kriege der elf wichtigsten europäischen Mächte zwischen 1450 und 1900 untersucht. Die folgenden Zahlen geben die durchschnittliche Anzahl der Jahre pro halbem Jahrhundert im angegebenen Zeitraum wieder, in welchen sich der jeweilige Staat im Kriegszustand befand:

1. Spanien: in durchschnittlich 33 von 50 Jahren.
2. Türkei: 30,5
3. Russland: 30
4. Österreich: 27,5
5. Großbritannien: 25
6. Polen: 24,5
7. Frankreich: 23,5
8. Niederlande: 22
9. Schweden: 17,5
10. Preußen/ Deutsches Reich: 17
11. Dänemark: 11,5

Im selben (S. 628) Band wird auch der Anteil an teilgenommenen Schlachten im Zeitraum von 1480 bis 1940 wiedergegeben, wieder jeweils im Schnitt aus halbjahrhundertlichen Perioden. Demnach liegt Preußen mit Teilnahme an durchschnittlichen 23% aller Schlachten weit hinter etwa Frankreich (43%).

Der russisch-amerikanische Soziologe Pitirim Sorokin rechnete den Anteil der Jahre, in welchen die großen europäische Mächte sich seit dem elften Jahrhundert im Kriegszustand befanden, aus. An der Spitze  befanden sich demnach Spanien (68%), Polen (58%), England (56%) und Frankreich (50%), einsames Schlusslicht ist Deutschland mit 28%.

Doch auch wenn man Hochmittelalter und frühe Neuzeit, als die meisten europäischen Großmächte damit beschäftigt waren, die Welt unter sich aufzuteilen, hundertjährige Kriege gegeneinander auszufechten und Abermillionen zu versklaven und auszurotten, ausblendet, und sich auf die jüngere Geschichte konzentriert, mag die Realität das Klischee vom kriegerischen Deutschland nicht bestätigen. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges etwa standen fast genausoviele Franzosen in Waffen wie Deutsche – bei nur etwa halber Bevölkerungsgröße. Anteilig an der Gesamtbevölkerung hatte Frankreich fast doppelt so viele Soldaten wie Deutschland – aber welche Assoziationen rufen heute Preußen oder das deutsche Kaiserreich hervor? Pickelhaube und Gleichschritt.

Deutschland war seit seiner Staatsgründung 1871 bis zu den Weltkriegen lediglich beim Herero-Aufstand und bei der Beteiligung am internationalen Krieg gegen die Boxer in China in nennenswerten kriegerischen Handlungen verwickelt.  Ganz anders liest sich etwa die Kriegsbilanz Großbritanniens in derselben Zeit: Krieg in Afghanistan (1878-90), Krieg gegen die Zulu (1879), Krieg gegen die Buren (1880-81), Krieg gegen die Urabi und Besetzung Ägyptens (1882), Krieg im Sudan gegen die Mahdi (1881-1899, mit der bekannten Schlacht von Omdurman mit dem jungen Kriegsberichterstatter Churchill), Krieg in Birma (1885-86), Krieg in Sansibar (1896), Zweiter Burenkrieg (1899-1902), Krieg gegen die Derwische in Somalia (1899-1920), Krieg in Tibet (1903-1904), Afghanischer Unabhängigkeitskrieg (1919), Irischer Unabhängigkeitskrieg (1919-1921)… Und der Zweite Weltkrieg markierte hier bekanntlich nicht das Ende. Die Kriegsbeteiligungen und Verwicklungen in Kriegen und politischen Umstürzen der USA aufzuzählen wird aus Gründen der Übersichtlichkeit unterlassen.

Dass heute in den beiden Amerikas, Afrika und Ozeanien englisch, spanisch oder französisch gesprochen wird, ist nicht zufällig entstanden oder weil sich die Ureinwohner aus Lust und Laune dazu entschieden hätten (sofern sie überhaupt noch existieren). Trotzdem wurde die Legende konstruiert, es handle sich beim kriegswütigsten und eroberungssüchtigsten Staat Europas um Deutschland. Was aus Sicht derer, die eine verlustreiche Gegnerschaft Deutschlands sich selbst und ihrer Bevölkerung begründen müssen, noch irgendwie nachvollziehbar ist, ist beim Vertreten dieser Verschwörungstheorien durch ihre eigentlichen Adressaten vollkommen unverständlich.

Wie und warum sich diese offensichtlichen Verzerrungen im allgemeinen Bewusstsein auch in Deutschland durchsetzen konnten, kann hier nicht abschließend behandelt werden. Das Bonmot, wonach der Sieger Geschichte schreibt, kennt mittlerweile jeder. Die Frage ist nur, warum der Besiegte Jahrzehnte nach der Niederlage die Geschichte der Sieger weiterschreibt. Das Märchen über Deutschland als kriegerischsten Staat Europas gehört dazu.

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