2009 hat es also tatsächlich für schwarz-gelb gereicht. Ist das der Beginn einer Serie bürgerlicher Regierungen wie unter Adenauer oder Kohl? Die Antwort ist klar negativ. Sieht man sich bestimmte sozialstrukturelle Entwicklungen innerhalb der Bevölkerung an, so wird klar, dass es in wenigen Jahren keine Mehrheiten mehr für das bürgerliche Lager geben wird.
Insgesamt war der Stimmenvorsprung für CDU/CSU und FDP gegenüber SPD, Grünen und Linken bei den Wahlen am 27. September 48,4 zu 45,6 Prozent. Bei den über 60-Jährigen waren es laut Forschungsgruppe Wahlen allerdings 54 zu 44 Prozent. Bei den Erstwählern war man nur deshalb knapp vorn (44 zu 42 Prozent), weil die Piratenpartei mit 12% vor allem dem linken Lager Stimmen abzog. Dieser Befund lässt sich noch damit relativieren, dass bekannterweise Menschen im Alter konservativer werden und eine solche Schieflage in der Alterspyramide demzufolge aus Sicht der Union nicht beunruhigen muss.
Schwerer wiegt dagegen folgende Tatsache: Unter den Deutschtürken gaben im März 2009 gerade einmal elf Prozent an, CDU (10%) oder FDP (weniger als 1%) wählen zu werden. 88 Prozent dagegen wollten für das linke Lager aus SPD (56%), Grüne (23%) und Linke (9%) votieren:

(Quelle: migazin.de)
Zwar tendieren Spätaussiedler weiterhin zur Union, allerdings mit sinkenden Werten (von 55% auf 40% in den letzten Jahren), die übrigen Migranten präferieren klar linke Parteien.
2005 lebten in Deutschland etwa 15,3 Millionen Migranten. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von knapp einem Fünftel. Bei den Kindern war es jedoch bereits ein gutes Drittel, unter den Rentnern dagegen ein sehr geringer Prozentsatz. Das bedeutet, dass selbst ohne jede weitere Zuwanderung und ohne weitere Überproportionalitäten bei den Geburtenraten sich der Zuwandereranteil in den nächsten Jahren fast verdoppeln wird, allein durch die jüngere Altersstruktur der Migranten. Zudem besitzen seit dem 2000 durch rot/grün geänderten Staatsangehörigkeitsgesetz fast alle Kinder von Migranten die deutsche Staatsangehörigkeit, auch wenn beide Eltern Ausländer waren (Voraussetzung ist nur, dass ein Elternteil acht Jahre in Deutschland gelebt hat). Die Regelung bezog sich teilweise auch rückwirkend auf vor dem Jahre 2000 geborene Kinder. Bei den Bundestagswahlen 2017 und 2021 werden sich diese Neuwähler mit Zuwanderungshintergrund, die gegenwärtig 200.000 bis 250.000 pro Jahrgang ausmachen – das heißt von einer zur nächsten Wahl etwa eine Million Wähler – schlagartig bemerkbar machen. Sie werden zusätzlich zu den heute schon etwa acht Millionen Eingebürgerten und den bis dahin neu Eingebürgerten eine nicht nur bei knappen Wahlausgängen entscheidende Gruppe darstellen.
Von diesen heute etwa 8 Millionen Migranten mit deutscher Staatsangehörigkeit waren 2009 rund 5,6 Millionen im wahlberechtigten Alter. In den kommenden Jahren werden also noch rund 2,4 Millionen ins wahlberechtigte Alter nachwachsen. Zusätzlich werden bis zum Jahre 2021, selbst wenn weiterhin pro Jahr auf dem relativ niedrigen Niveau von etwa 100.000 Einbürgerungen im Jahre 2008 verharrend, weitere 1,2 Millionen neue Wahlberechtigte mit Migrationshintergrund entstehen. Damit werden bis zur Bundestagswahl 2021 grob überschlagen (und ohne künftige Wanderungsbewegungen u.a.) ungefähr 3,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund mehr zur Wahl gehen können als noch 2009. Diese Menschen werden, wenn sich die aktuellen Tendenzen nicht unerwarteterweise stark ändern, überproportional für das linke Lager votieren. Im selben Zeitraum werden pro Jahr etwa 700.000 bis 800.000 Menschen sterben – zusammen also etwa 9 Millionen -, darunter überproportional viele alte, deutsche Unionswähler. Natürlich gibt es auch viele Migranten, die der Union zugeneigt sind und Deutsche ohne Migrationshintergrund, die links wählen, aber im Aggregat gibt es eben die gerade beschriebenen Überproportionalitäten, die sich in den nächsten Jahren massiv bemerkbar machen.
Zum Vergleich für die eben genannten Zahlen: Die Bundestagswahlen 2009 wurden mit einem Stimmenvorsprung von 300.000 Erst- und 1,1 Millionen Zweitstimmen zugunsten des bürgerlichen Lagers entschieden.
In den Städten werden diese Umwälzungen noch früher spürbar werden. Wie lange noch werden Großstädte wie Hamburg, Düsseldorf oder Stuttgart CDU-Oberbürgermeister haben können? In Stuttgart beträgt der Migrantenanteil gegenwärtig “nur” 40%, wobei davon auch nur die Hälfte das Wahlrecht besitzt. Unter den Kindern waren es 2005 aber 65%. Auch hier wird also selbst ohne weitere Zuwanderung der Zuwandereranteil in den nächsten Jahren von 40 auf 65% steigen, und der Anteil der Migranten mit Wahlrecht darunter wird sich rapide vergrößern. 2009 holte die CDU-Gemeinderatsfraktion weniger Sitze als die Grünen – damals noch mit dem Unmut der Bürger über ein von der CDU favorisiertes Großprojekt erklärbar. Schon in wenigen Jahren allerdings wird allein die Sozialstruktur erklären können, dass die CDU strukturell keine Mehrheiten mehr haben können wird.
Es sei denn – ja, es sei denn die Union wird schlagartig für Migranten attraktiver als heute. Aber selbst wenn die CDU mehr Migranten auf ihren Landeslisten platziert, wodurch sie u.U. auch für die Türkischen Gemeinde in Deutschland zur Wahl in Betracht käme, und selbst wenn sie ihre Migrationspolitik noch stärker als in den letzten Jahren auf eine einwandererfreundlichere und liberalere Schiene führen würde, wären die Chancen wohl nicht sonderlich groß, die traditionell als migrantenfreundlich bekannten Parteien der Linken in der Popularität bei den Bürgern mit Migrationshintergrund abzulösen.
Der CDU läuft die Zeit davon. Dem bürgerlichen Lager bleiben nicht mehr viele regierungsfähige Jahre.
